Asterix und die Kelten

Die Rolle der Kelten in der Asterix und Obelix Comic-Reihe

Gallier war die Bezeichnung der alten Römer für alle Stämme der Kelten auf dem Territorium des einstigen Galliens. Das entspricht etwa dem heutigen Belgien, Luxemburg, Frankreich und Teilen der westlichen Schweiz. Die sicher berühmtesten Kelten existieren dabei heutzutage lediglich auf Papier: Asterix und Obelix und alle anderen Bewohner eines tapferen kleinen Dorfes gehören dazu. Sie sind die Protagonisten in den von Albert Uderzo und René Goscinny, ab Band 35 dann von Jean Yves Ferri und Didier Conrad kreierten französischen Asterix-Comics, die sich in der ganzen Welt mehr als 400 Millionen Mal verkauften. Nichtsdestotrotz betreiben renommierte Altertumsforscher immer wieder Quellenforschung, weil die Comicserie auf überraschende Art und Weise auf historisch belegbaren Fakten wurzelt.

Was ist dran am Asterix?

Nicht allein die Frage, in welchem Jahr gallische Horden mit Sack und Pack sowie mit einem Verpflegungsvorrat an fetten Wildschweinen in Olympia einfielen, um es Roms Superstar Musculus nebst Coach Redeflus gehörig zu zeigen, beantworteten uns die Autoren und die Zeichner nicht. Sie lassen auch die Fragen offen, ob die Gallier tatsächlich Angst hatten, der Himmel könnte ihnen auf die Köpfe fallen oder warum und wieso keltische Dorfchefs zuweilen von Schild herunterfallen – und keiner weiß, ob der Raufbold Obelix im zarten Kindesalter tatsächlich in einen Zaubertrank gefallen war. Was ist also wahr an der kunterbunten Welt der Antike, durch die sich die schnurrbartverzierten Helden prügelten?

Reiner Wein von Altertumsforschern

Glücklicherweise schenken uns tapfere Altertumsforscher reinen Wein ein: Die keltischen Druiden schnitten durchaus unbeirrt Misteln ab – allerdings brachten sie von allfälligem Hokuspokus einmal abgesehen nichts weiter zustande. Zudem konnte Klein-Asterix nur im Jahr 48 vor Christi Geburt zum Olympiasieger avanciert sein. Denn schließlich spielten die rasanten Abenteuer des cleveren Galliers im Zenit römischer Besatzung, die ab dem Jahr 50 vor Christus ihren Lauf genommen hatte. Der Kleine war außerdem hyperaktiver Zeitgenosse des Imperators Gaius Julius Caesar, dessen letzte Stündlein bekanntermaßen bereits bei den Iden des März 44 v. Chr. geschlagen hatte. Jeweils im Verlauf des Spätsommers wurden die Spiele veranstaltet und so kann lediglich das Jahr 48 möglich sein.

Die verdienstvollen Untersuchungen der wissensdurstigen Altertumsforscher brachten an den Tag, wo sich die wildschweinvernichtenden Comichelden wann rumgetrieben haben können, ob das Wildschwein dereinst gekocht oder gebraten worden war und mit wem sie sich vortrefflich heftig prügeln konnten. Zudem ernteten die Wissenschaftler durchaus manches Kopfschütteln, als sie anfingen, historische Quellen nach den weißblauen Beinkleidern abzusuchen, in denen Obelix auftrat.

Niemanden hatte es lange Zeit über gewundert, dass unter den Händen der heißhungrigen Comichelden bereits mehr als 1 500 Jahre vor der eigentlichen Erfindung des Käsefondues eimerweise fetter Käse dahinschmolz. Denn die charakteristische Konstellation der bislang 37 Asterix-Bände ist fiktiv und historisch keinesfalls allumfassend belegt. Schließlich sind die Comichelden der Idee von Goscinny und Uderzo entsprungen, dass nicht das komplette Gallien von Julius Cäsar okkupiert worden war. Das geniale Künstlerpaar schuf vielmehr im 1961er Startheft "Asterix der Gallier" ein keltisches Dörfchen auf dem heutigen Gebiet der Bretagne, das sich im ständigen erbitterten Widerstand zum feindlichen Rom befand. Ihrer künstlerischen Freiheit verdanken wir, dass die Historie der Kelten hier mit Spaß genau andersherum erzählt wird, als sie im Bericht „De bello Gallico“ des Julius Cäsar nachzulesen ist. Den patriotischen Franzosen passt diese Sichtweiser sowieso viel besser …

Aber vieles stimmt sogar, beim Teutates!

Schon beinahe sechs Jahrzehnte lang rettet der listige, kleine Asterix in Einheit mit dem zuweilen trotteligen Hinkelsteinlieferanten Obelix die Ehre französischer Ahnen. Kräftig von Miraculix' Zaubertrank unterstützt und assistiert vom weniger standfesten Häuptling Majestix, vom Duftfischverkäufer Verleihnix, vom beeindruckenden Sänger Troubadix und einer ganzen Zahl verschiedener Kumpel waren sie unverdrossen damit zugange, die vor mehr als zwei Jahrtausenden erfolgssuchenden Römer nach Strich und Faden post festum zu verdreschen.

Trotzdem wagten die Altertumsforscher den akademischen Test, um herauszufinden, was und wie viel die Asterix-Abenteuer mit jenen Geschichten zu tun haben, die der Welt von den Herren Plinius, Plutarch und Tacitus erzählt werden. Selbstverständlich beruhen die Comics auf schamlosen Übertreibungen und Erfindungen: Die kecke Melange geschichtlicher Vorgänge macht es beispielsweise möglich, dass ein Hinkelstein-Industrieller und ein Feldherr aus Rom aufeinandertreffen - war doch die allerletzte Kreatur dieser präkeltischen Zeitgenossen, deren Legitimation bis heute undeutlich ist, historisch betrachtet schon mindestens ein Jahrtausend tot, als Cäsar mit seinen Legionen in die Keltengebiete einfiel.

So gibt es einerseits in den Comics kein Pardon auch mit folgender strikter Wahrheit: Der gallische Kriegsführer Vercingetorix hatte sich in den Comics einer zahlenmäßig deutlich übermächtigen Armee Roms zu unterwerfen. Historisch belegt ist allerdings, dass sich jener Vercingetorix mit seinen 330 000 Mann tatsächlich einer vergleichsweise kleinen Römerarmee von lediglich 60 000 Legionären ergeben musste.

Andererseits stimmt vieles unterm Strich sogar: Von ihren einstigen Lateinstunden profitieren Goscinny, Uderzo und Kollegen, sodass ihre Comics hier und da durchaus unterrichtstauglich sind. Beispielsweise ähneln sowohl die Helme als auch die Schwerter der Comicfiguren genauso den keltischen Originalen wie die römischen Uniformen und die Legionärssandalen, die nach diversen Obelix-Kinnhaken nur alleinig den Gesetzen der Schwerkraft folgen.

Wer hätte geglaubt, dass von den Briten heißes Wasser getrunken wurde? Tatsächlich gab es jede Menge antike Wassertrinker: "Im Winter und Frühling so heiß wie möglich" lautete einst der eindringliche Rat des Poikilographen Athenaios.

„It’s always tea time“

Ist diese bis heute in Großbritannien beliebte Feststellung Grundlage der zahlreichen Teepausen in der Folge „Asterix bei den Briten“? „A cup of tea solves everything“ kann es wohl nicht sein – denn „Abwarten und Tee trinken“ trifft einfach nicht zu, obwohl die zahlreichen Teepausen bei den römischen Eroberern zur schieren Verzweiflung führten.

Vielmehr ist der gallische Teekult einerseits wohl mit „What a lovely tea party“ überschrieben und andererseits ist er eine Anspielung auf die „Hit and run“ genannte Kriegstaktik der Briten: Sie starten ganz plötzlich Angriffe, von denen sie sich ebenso unvermittelt gleich wieder zurückziehen. Cäsars Legionäre hatten damit ihre liebe Not und die kämpferische Taktik aller Widerstandshorden aus den Asterix-Comics unterscheidet sich keinesfalls von der Kriegsführung der realen Kelten, wie sie in der Literatur beschrieben wurden. Abweichungen gibt es der Geschichtsschreibung des Polybios folgend einzig in der Kriegsbekleidung: Während man bei Asterix und Obelix mit freiem Oberkörper kämpft, sollen sich die wahren Kelten vollständig nackt, nur mit Helm und Schwert ausgerüstet, ins Getümmel gestürzt haben.

Sicher persiflieren die Comicmacher auch diverse Erscheinungen der Neuzeit, nichtsdestotrotz fanden die Altertumsforscher noch mehr historische Wahrheiten bei Asterix und Obelix: Nicht nur die Reisbadewanne, der Urzebrastreifen und der antike Stierkämpfer, sondern auch die gestreift-bunten Klamotten und der besenschwingende Legionär gehören dazu – und von wegen „harte Hunde“: Die Gallier liebten kleine Schoßhündchen tatsächlich ebenso abgöttisch wie Obelix seinen Idefix.

Es blieb eine Angst

Auch die allerletzte Angst der Gallier lässt sich historisch nachweisen: Einst hatten die tapferen Kelten eine aufschlussreiche Unterredung mit Alexander dem Großen. Der wollte wissen, wovor sie sich denn eigentlich fürchten – und die Stammesfürsten versicherten ihm ihre einzige Angst, wonach ihnen der weite Himmel doch mal auf den Kopf fallen könnte.

Obelix, Obelix, Obelix