Kelten und Gallier

Kelten und Gallier

Alle Gallier waren Kelten, aber nicht alle Kelten waren Gallier. Geschichte wird bekanntlich vor allem von den Siegern geschrieben. Vermutlich gilt dies schon seit der Existenz jeglicher Kriege, sicher aber seit der Eroberung fast ganz Europas durch die Römer rund um den Beginn unserer Zeitrechnung. Die Expansionsgelüste des „Imperium Romanum“ besaßen in der Römischen Kaiserzeit je gut 100 Jahre vor und nach Christi Geburt ihre stärkste Ausprägung. Teils recht intensiven wirtschaftlichen Kontakt mit den „Barbaren“ nördlich der Pyrenäen hatte das Römische Reich auch schon vor Cäsars „Gallischen Krieg“ gehabt.

Nach dessen erfolgreichem Ende im Jahr 50 vor Null und der folgenden sukzessiven Romanisierung Galliens wurden die bis dato synonym verwandten Namen Kelten und Gallier von den neuen Herrschern stärker differenziert. Noch immer waren für die Römer sämtliche Ureinwohner des heutigen Frankreichs und Belgiens sowie Luxemburgs und der Westschweiz zwar Kelten. Regional wurden die keltischen Gallier nun jedoch u.a. von Aquitaniern, Basken und Belgern unterschieden.

Alesia in der Auvergne war eine große keltische Stadt und Festung in Gallien

Auf dem Gebiet Galliens waren seinerzeit Dutzende gallisch-keltischer Stämme ansässig, die sich je nach genauer Lage der von ihnen bewohnten Region etwa auch mit Germanen rechts des Rheins und Helvertiern mischten. Das heutige französische Kernland rund um Lyon war damals als „Gallia Celtica“ bekannt. Zu den größten gallisch-keltischen Stämmen der Gegend zählten die Arverner in der Auvergne, zu denen auch der Anführer des von Cäsar niedergeschlagenen Gallieraufstands im Jahr 52, Vercingetorix, stammte.

Mächtig und einflussreich waren ebenso die Stämme der Mandubier im Burgund und Jura sowie die nördlich benachbarten Haeduer im heutigen Gebiet Bourgogne-Franche-Comté. Die einstige mandubische Hauptstadt Alesia im aktuellen Département Côte-d’Or (Burgund) war mit einer Ausdehnung von fast 100 Hektar eine der größten befestigten Städte der Zeit und wies zahlreiche Bauten in der typisch keltischen Bauweise aus Lehm, Holz und Stroh auf. Weitere große keltische Festungen und Städte in „Gallia Celtica“ waren zum Beispiel Avaricum (Bourges, Centre-Val de Loire), Bibracte (Saint-Léger-sous-Beuvray, Saône-et-Loire) und Gergovia (Gergovie, Puy-de-Dôme) sowie Gesoriacum/Bononia (Boulogne-sur-Mer, Pas-de-Calais) und natürlich Lutetia (Paris).

„Asterix“ und „Obelix“ sind Musterbeispiele für das Bild der Kelten und Gallier

Relativ zahlreich und als militärische Gegner von den Römern gefürchtet, waren auch die keltischen Stämme der Allobrogen am Genfersee, Biturigen in Aquitanien und Karnuten in den Regionen Chartres und Orléans. Gleiches gilt für die Senonen an der Seine und Loire sowie die Aulerker und Veneter im Nordwesten Galliens, die als erfahrene und geschickte Seefahrer bekannt waren. In der nach der keltischen Bezeichnung „are mori“ (vor dem Meer) benannten antiken Region „Aremorica“ in der heutigen Normandie und Bretagne hat sich das kulturelle Erbe der Kelten und Gallier vermutlich in ganz Frankreich bis heute am besten erhalten können.

Im damaligen Siedlungsgebiet der Coriosoliten und Eburoviken sowie Namneten und Osismier wird das Bretonische („Brezhoneg“) als keltische Sprache noch immer von zurzeit ca. 250.000 Menschen gesprochen und verstanden. Besonders hoch ist deren Anteil in den Gebieten Guingamp, Tréguier und Centre Ouest Bretagne in den Départements Côtes-d'Armor, Finistère und Morbihan. „Aremorica“ ist darüber hinaus auch die Heimat der weltberühmten Comicfiguren „Asterix“ und „Obelix“, deren Kleidung und Frisuren deutlich keltisch inspiriert sind.

Kelten und Gallier hatten trotz zahlreicher Unterschiede vieles gemeinsam

Etymologisch betrachtet leiten sich die beiden Bezeichnungen Kelten und Gallier jeweils eindeutig von einer indogermanischen Sprachwurzel ab. Während die Vorsilbe „kel/kelh“ verbergen, emporragen oder schlagen bedeutet, bezieht sich „gal“ auf die Eigenschaften Macht, Stärke und Tapferkeit. Trotz der Zugehörigkeit der zahlreichen unterschiedlichen keltischen Sprachen zur indogermanischen Sprachfamilie unterschieden sich diese jedoch analog zur großen Verbreitung keltischer Stämme in Europa teilweise sehr stark.

So geht die Linguistik heute davon aus, dass sich allenfalls räumlich nicht allzu weit voneinander lebende keltische Stämme ansatzweise und rudimentär miteinander verständigen konnten. Kelten und Gallier gehörten somit wahrscheinlich nur gemäß der römischen Außensicht zum selben Volk. Ihrem Selbstverständnis zufolge sahen sie sich als regionale und lokale Ethnien und Entitäten, die mit weiter entfernten Verwandten nur wenig oder gar nichts zu tun hatten. Als eine verlässliche Gemeinsamkeit mag aber der Glaube an überregionale Mutter-, Toten-, Handwerks- und Kriegsgottheiten im gesamten keltischen Raum gedient haben, auch wenn diese Götter je nach Gegend voneinander abweichende Namen trugen.

Die keltische Götterwelt in Gallien war differenziert und facettenreich

Von zahlreichen keltischen Stämmen jedoch überregional und übergreifend angebetet und verehrt wurden die Fruchtbarkeitsgötter „Sucellus“ sowie „Cernunnos“. Kunstvoll gefertigte und gestaltete Statuen des Erstgenannten wurden u.a. in Genf und Lausanne gefunden. Häufig ikonografische Begleiterin von Sucellus war die Göttin „Nantosuelta/Nantosvelta“, die gemeinsam mit diesem etwa auf einem steinernen Altar in der Gemeinde Sarrebourg im Département Moselle (Region Grand Est) abgebildet ist. Eine berühmte Darstellung des „Hirschgeweihgottes" Cernunnos befindet sich auf dem Pfeiler der „Nautae Parisiaci“ (Pilier des nautes) aus dem frühen 1. Jahrhundert nach Christi, welche im „Musée national du Moyen Âge“ im Quartier Latin (5. Arrondissement) der französischen Hauptstadt Paris besichtigt werden kann.

Ebenfalls auf dem im Jahr 1710 unter der Kathedrale Notre-Dame gefundenen Pfeiler abgebildet sind die keltischen Gottheiten „Tarvos Trigaranus“, der als Stier dargestellt wird, der Gott des Handels „Esus/Aesus“ und der vermutlich als Kriegsgott verehrte „Smertrios“. Bedeutende archäologische Fundstätten bzw. Fundstücke keltischer Kultur in Frankreich sind außerdem das Siedlung Hérapel bei Cocheren im Département Moselle (Grand Est), der aus Bronze gefertigte Kalender von Coligny im Département Ain (Auvergne-Rhône-Alpes) sowie die Fürstliche Grabstätte von Vix bei Châtillon-sur-Seine (Burgund).

Kelten und Gallier haben in Frankreich viele Kunstwerke hinterlassen

Auskunft über die erstaunlich und überraschend weitreichenden Fernhandelsbeziehungen der keltisch-bretonischen Stämme der Veneter und Osimer bis nach Griechenland und Makedonien gibt der im Jahr 2007 in Laniscat im Département Côtes-d’Armor entdeckte sog. Schatz der Osimer, zu dem fast 600 antike Münzen gehören. Die palmenblattartigen Verzierungen der in den 1920er Jahren im Département Moselle gefundenen keltischen zeremoniellen Schnabelkannen von Basse Yutz aus dem eisenzeitlichen 5. Jahrhundert zeigen die Handelsbeziehungen der Kelten bis nach Ägypten. Der intensive betriebene keltische Fernhandel lässt sich auch mit dem für ganz Gallien ab dem 3. Jahrhundert vor Christus charakteristischen Münzwesen belegen. Die teils aufwendig verzierten Münzen waren oft mit typischen Symbolen der keltischen Mystik wie Kreis und Kugel geschmückt.

Aus dieser Epoche stammte wahrscheinlich auch das keltische Heiligtum des Stammes Saluvii in Roquepertuse bei Velaux in der Provence. Im Musée archéologique in Dijon können wiederum die im Jahr 1963 in der Seine gefundenen, imposanten hölzernen Kopfskulpturen keltisch-gallisch-römischen Ursprungs vermutlich aus dem 1. Jahrhundert bewundert werden. Ungeachtet dieses reichen kulturellen Erbes der Kelten in Frankreich ist die als „Keltomanie“ in der Fachliteratur bekannte Vereinnahmung keltischer Kultur im 18. und 19. Jahrhundert für politische Zwecke speziell in Frankreich aus heutiger Sicht eher kritisch zu sehen.