Kelten Reenactment Events

Kelten Reenactment Events, Märkte und Festivals

Schon seit ungefähr drei Jahrzehnten werden die Kelten als größter antiker Volksstamm Europas in der postmodernen Populärkultur hoch geschätzt und hinsichtlich auf ihre relativ weit entwickelte soziale und kulturelle Struktur allgemein recht wohlwollend betrachtet. Ein Aspekt dessen ist etwa die heute häufig sichtbare Verwendung keltischer Kunstsymbolik in Form von Knoten-, Spiral-, Flechtwerk- und Tiermustern zum Beispiel bei der Gestaltung von Schmuck, Kleidung und Tätowierungen. Ungeachtet der historisch je nach Region in Europa stark unterschiedlichen keltischen Kunst werden hierbei viele Stile z.T. beliebig bis eklektizistisch miteinander vermischt. Vergleichbar mit diesen rein ästhetisch inspirierten Darstellungen werden die Kelten auch in Bezug auf ihre Sitten und Gebräuche sowie politischen und wirtschaftlichen Strukturen von vielen Zeitgenossen als progressiv, demokratisch und geradezu erstaunlich modern wahrgenommen. Ob und wie sehr diese Annahmen und Einschätzungen mit aktuellen Erkenntnissen der seriösen Forschung übereinstimmen, sei einmal dahingestellt. Fest steht, dass das keltische Erbe inzwischen generell in Mitteleuropa und speziell in Deutschland großes Interesse weckt sowie oftmals im Rahmen regionaler Veranstaltungen im Rahmen des „Reenactment“ als Bezugsgröße dient.

Möglichst authentische Wiederaufführung historischer Ereignisse als Freizeitspaß

Das englische Wort „Reenactment“ lässt sich im Deutschen am besten mit Nachstellung und/oder Neuinszenierung übersetzen. Es bezeichnet ähnlich wie der häufig als Synonym verwandte Ausdruck „Living History“ (gelebte Geschichte) die möglichst detaillierte und genaue Darstellung bestimmter historischer Epochen durch originalgetreu gekleidete und mit entsprechenden Gebrauchsgegenständen wie zeittypischen Waffen und ebensolchem Werkzeug ausgestattete Personen. Eng verwandt, aber von der Geschichtswissenschaft aufgrund der fehlenden Faktentreue in der Praxis häufig als lücken- und/oder mangelhaft eingestuft, ist der Begriff „Histotainment“ als Kombination bzw. Kofferwort aus „History“ (Geschichte) und „Entertainment“ (Unterhaltung). Faktisch korrekte oder auch tendenziell fantasievolle Historiendarstellungen gibt es dabei nachweislich schon seit den Zeiten des Römischen Reiches. Als Beispiele für das diesbezügliche Geschehen hierzulande seien die besonders in Bayern und Baden-Württemberg vielerorts schon seit dem Mittelalter regelmäßig veranstalteten Passionsspiele über Leben und Leiden Jesu Christi genannt. Ein bekanntes Exempel für „Reenactment“ in Deutschland, welches seit 1903 alle vier Jahre mit 2.300 Darstellern nachgespielt wird, ist auch die „Landshuter Hochzeit“ zwischen einem bayerischen Herzog und einer polnischen Prinzessin im Jahr 1475.

Die Ritterfestspiele als historisch angehauchtes Vergnügen für die ganze Familie

Eine teilweise bis ins späte 18. Jahrhundert zurückreichende Tradition besitzen auch die ebenfalls für Süddeutschland und Österreich typischen Ritterfestspiele. Mit als ältestes Event dieser Art gelten die im Jahr 1762 erstmals im gleichnamigen Innsbrucker Stadtteil aufgeführten „Pradler Ritterspiele“, die seit dem späten 18. Jahrhundert an verschiedenen Spielorten in Wien sowie auf Tourneen und Gastspielen in ganz Österreich, Deutschland und der Schweiz Erfolge feiern. Deutlich jüngeren Datums, aber ebenso bekannt und nicht minder beliebt, sind etwa das „Kaltenberger Ritterturnier“ in Geltendorf bei Landsberg am Lech in Oberbayern seit 1979, die „Wallensteinfestspiele“ in Memmingen in Schwaben (1980) und die „Freienfelser Ritterspiele“ in Weinbach in Hessen (1992). Fast immer und überall werden bei diesen traditionellen, vor atmosphärisch gut passender mittelalterlicher Kulisse dargestellten Festspielen symbolische Kampfspiele und Turniere abgehalten. Dies gilt auch für das seit 1976 alle zwei Jahre Ende Juni/Anfang Juli veranstaltete „Neuburger Schlossfest“ im oberbayerischen Neuburg an der Donau sowie das alljährlich ebenfalls Anfang Juli gefeierte „Ingolstädter Herzogsfest“ samt Eröffnungsfestzug, Schlosskonzerten und Festmesse.

Seit den 1990er Jahren ist das Mittelalterfest ein regional wichtiger Tourismusfaktor

Die seit den 1970er Jahren auch in Deutschland entstandene, in den 1980er Jahren stark gewachsene und seit den 1990er Jahren zum Massenphänomen mit Millionenpublikum gewordene „Mittelalterszene“ hat sich in dieser Zeit von einer subkulturellen Erscheinung zu einem bedeutenden Marktsegment entwickelt. Das lokale oder regionale, bevorzugt auf oder vor einer Burg bzw. Burgruine alljährlich veranstaltete Mittelalterfest ist für zahlreiche Städte und Gemeinden heutzutage einer der wichtigsten Höhepunkte im Festkalender. Ein Mittelalterfest ist quasi untrennbar mit der Existenz eines Mittelaltermarkts verbunden. Auf diesem können die Besucher ausgefallene kulinarische Spezialitäten nach alten Rezepten, Replika von Waffen sowie nach überlieferten Vorlagen gefertigte Kleidung und Kosmetik kaufen. Ebenso der Unterhaltung auf einem Mittelalterfest dienen in der Regel stilistisch einschlägige Musikgruppen, Artisten und Zauberer. In letzter Zeit als besonders populär erwiesen haben sich dabei Bands aus dem Genre Mittelalter-Rock, die bei ihren Auftritten historische mit elektronischen Instrumenten kombinieren. Dabei kommen durchaus auch typischen Blasinstrumenten der Kelten nachempfundene Trompeten, wie zum Beispiel das hornartig gebogene „Carnyx“ mit zum Wildschweinkopf geformter Mündung zum Einsatz.

Die Spektakel bringen viele Besucher und volle Kassen, sind aber Inszenierungen

Zu den bekanntesten und meistbesuchten regelmäßigen Veranstaltungen dieser Art in Deutschland zählen zum Beispiel das „Peter-und-Paul-Fest“ in Bretten im Kraichgau bei Karlsruhe Ende Juni, das „Festival-Mediaval“ in Selb in Oberfranken im September und das „Feuertal-Festival“ auf der „Waldbühne Hardt“ in Wuppertal Ende August. Das bereits 1994 in Borken bei Münster in Westfalen gegründete Mittelalter-Festival „Mittelalterlich Phantasie Spectaculum (MPS)“ gastiert mittlerweile sogar mit über 1.000 Darstellern und Mitwirkenden an ca. zwei Dutzenden Wochenenden im Jahresverlauf an 20 wechselnden Orten in Deutschland. Bezüglich der historischen Authentizität von derartigen letztlich kommerziell konzipierten Mittelalterfesten besteht aber natürlich der berechtigte Einwand, dass diese das Mittelalter nur sehr stark vereinfachend sowie schematisch und damit nicht zutreffend abbilden (können). Ungeachtet von solch letztlich akademischer Kritik kann ein Mittelalterfest aber bei seinen Besuchern in der Tat den Ausschlag für tieferes Eindringen in die Materie geben. Wer sich derart angeregt für das reale einstige Leben der Kelten in Deutschland interessiert, kann etwa die informativen und interessanten Veranstaltungen in den Museen und Stätten des eingetragenen Vereins „KeltenWelten“ vorrangig in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz aufsuchen.

Von vielen Mittelalterfesten trennt das wahre Leben der Kelten ganze Welten

Statt mehr oder weniger historisch zutreffendem „Reenactment“ oder gar „Histotainment“ erhalten Besucher dort handfeste und wissenschaftlich fundierte Fakten zu den Kelten und deren Kultur in Europa und Deutschland zwischen der Hallstattzeit ab ca. 800 vor Christus bis zum sukzessiven Verschwinden rein keltischer Stämme im 3. Jahrhundert nach Beginn unserer Zeitrechnung. Auf der übersichtlich gestalteten Netzpräsenz des Vereins werden darüber hinaus zahlreiche „Keltengruppen“ im gesamten Bundesgebiet aufgeführt, die sich größtenteils ehrenamtlich dem Gedenken an die Kelten mithilfe von Rekonstruktionen von Siedlungen und deren Bauten widmen. Häufig veranstalten diese „keltophilen“ Gruppen auch Feste und Treffen sowie Seminare zu keltischen Themen. So wird etwa rund um das im Jahr 2008 erbaute typisch keltische Wohnstallhaus „Darpvenne“ aus der Eisenzeit in der Gemeinde Ostercappeln in Niedersachsen regelmäßig ein Sommerfest gefeiert. Der Verein „Hassia Celtica“ in Hessen veranstaltet ebenfalls „Keltenfeste“ an wechselnden Orten. Zum Stammtisch des „Freundeskreises keltischer Ringwall Otzenhausen e.V.“ in Nonnweiler sind Interessenten jederzeit herzlich willkommen. Aus Geisenfeld bei Pfaffenhofen in Oberbayern kommt die Reenactment-Gruppe „Istros-Keltoi“, die 2019 u.a beim Museumsfest im Naturhistorischen Museum Nürnberg sowie beim Keltenfestival in Schwarzenbach und dem Keltenfest in Landersdorf auftritt.